Das ozeanische Gefühl

Das ozeanische Gefühl

Beatrix Zobl

Performance und Blatt, Schreiben mit Licht, Abdruck oder Vera Icon, Kontrolle und Zufall, Lebenszeichen oder Memento mori. Das Gesicht der Welt: die heißkalte Gegenwart.

In diesem Werkblock sind der menschliche Körper, Knochen, Fischskelette, Plastik, Perlen, Waffen etc. meine Arbeitsmittel. Der Titel der Serie findet sich in Sigmund Freuds kulturtheoretischem Text „Das Unbehagen in der Kultur“[1].

Das dabei verwendete fotografisch-druckgrafische (Kontakt-)Verfahren fußt auf der Lichtempfindlichkeit von Eisenverbindungen, die sich im Prozess blau verfärben[2]. Wobei sich je nach Ergebnis der „Foto-Grafik“[3] darüber philosophieren lässt, ob es sich bei dem jeweiligen Bild um einen Abdruck, eine Spur oder einen Schatten handelt.

Eisen verkörpert als zentrales Material und Bedingung der Industrialisierung seit dem Jahrhundert die Idee der Stabilität und Dauerhaftigkeit. Gebäude, Schienen Autos, Bohrtürme, Schiffe, Waffen, Maschinen und Werkzeuge aller Art – die eiserne gesellschaftliche Vorstellung von einem guten, beständigen Leben, ja von Wohlstand und Glück.

Als ökonomisches und ästhetisches Material ist die Geschichte des Eisens untrennbar mit der politischen und sozialen Geschichte, dem Rollen-Selbstverständnis der Geschlechter, sowie der sich anbahnenden Klimakatastrophe verbunden.

Die scheinbare Unvergänglichkeit steht im Dialog mit dem Bildwerdungsprozess, der nicht vollständig kontrollierbar ist. Denn erst beim Auswaschen wird das Bild fixiert –besser– wird es Teil des Papiers, das sich bei der Wässerung neu zusammensetzt.

Der Körper in seiner Fragilität und Vergänglichkeit verbindet sich mit dem Material: Kontrolle und Kontrollverlust, Absicht und Zufall bzw. die Lust daran, aber auch das Aushalten von Frustration und Vulnerabilität sind Themen dieser Serien. Sie werden von der Lust am Experimentieren und in der Folge durch die Erfahrungen geprägt, die dabei entstehen.


[1] Ursprünglich ein Ausdruck aus einem Briefwechsel mit Romain Rolland über „Religion als Illusion“ verwendet ihn dieser, um die Quelle selbst, also den grundsätzlichen Wunsch nach etwas Unbegrenztem und zugleich mit der Außenwelt Verbundenem zu bezeichnen „[…] auch wenn man jeden Glauben und jede Illusion ablehne“. Freud konnte damit wenig anfangen und der Begriff blieb letztlich ungeklärt. In meinem Projekt bezieht sich „Das Ozeanische Gefühl“ nicht (nur) auf den Ozean bzw. auf das Mittelmeer, sondern grundsätzlich auf die Frage nach dem Verhältnis von Leben und Tod. Darüber hinaus beziehe ich diese Metapher auf das „Ich“, das sich von der Außenwelt abscheidet, wie auch auf sein Gegenteil: die Sehnsucht nach einer Verbundenheit des „Ichs“ mit seiner Umwelt.

[2] Cyanotypie: von altgriechisch „κυανός/kyanos“: Dunkelblau/Cyan und τύπος/typos: Druck

[3] Fox Talbot verwendete für Kalotypie, ein verwandtes Verfahren auf Silbernitratbasis, den Begriff „Photogenic Drawings“.